Das Freihandelsabkommen mit Vietnam tritt ab 01.08.2020 in Kraft

 

Zum 01.08.2020 tritt das Freihandelsabkommen zwischen Vietnam und der Europäischen Union (EU) in Kraft. Im ersten Schritt werden 65% aller exportierten Waren nach Vietnam und 71% der vietnamesischen Güter die nach Deutschland importiert werden, zollfrei.

Nach achtjähriger Verhandlung wurde, unter erschwerten Bedingungen durch die Coronakrise, im Juni 2020 auch in der vietnamesischen Nationalversammlung das Freihandelsabkommen (EVFTA) gebilligt. Der Ratifizierungsprozess ist damit abgeschlossen und das Abkommen tritt zum 01.08.2020 in Kraft. Nach Singapur ist Vietnam damit das zweite südostasiatische Land, mit dem die EU ein Freihandelsabkommen geschlossen hat.

Von Beginn an werden die Zölle auf 65 Prozent aller EU-Exporte nach Vietnam entfallen. Der Rest wird, mit wenigen Ausnahmen, stufenweise nach spätestens zehn Jahren folgen.
Umgekehrt entfallen nach dem Inkrafttreten die EU-Importzölle auf 71 Prozent aller vietnamesischen Waren, nach sieben Jahren werden es 99 Prozent sein.
Detailliertere Informationen zu den geplanten Zollsenkungen finden Sie auf GTAI.

Vietnam aktuelle mehr Exporteur als Käufer

Für Deutschland ist Vietnam als Käufer von Gütern und Anlagen noch nicht von wesentlicher Bedeutung. Auf der Rangliste der wichtigsten Abnehmerländer stand Vietnam 2019 lediglich auf Rang 44 von 239 Handelspartnern.
Laut eigener Zollstatistik aus Vietnam, wurde in 2018 jedoch 33 Prozent mehr Importe aus Deutschland verzeichnet. In 2019 gingen die Einfuhren gegenüber 2018 leicht zurück (-3 Prozent). Dennoch blieb Deutschland auch 2019 mit Abstand wichtigster Lieferant aus der EU. Vietnam importierte fast doppelt so viel Waren aus Deutschland, wie vom zweitwichtigsten EU-Lieferanten, Italien.
Diese Entwicklung dürfte bereits andeuten, dass deutsche und europäische Unternehmen vom Abkommen profitieren werden. Auch unter dem Aspekt, dass Vietnams Wirtschaft in den letzten fünf Jahren nach Angaben der Regierung um durchschnittlich 6,5 Prozent wuchs.
Die Zollsenkung auf 0%, gerade in den Bereichen Chemie, Pharmazie, der sehr gefragten Medizintechnik und Maschinen, werden deutsche Produkte in jedem Fall preislich attraktiver und konkurrenzfähiger machen.

Für Vietnam ist die EU wiederum als Käufer wichtiger denn als Lieferant. Das europäische Handelsdefizit mit Vietnam belief sich 2019 auf knapp 27 Milliarden US-Dollar US$.
Der europäische Absatzmarkt, für vietnamesische Waren, wird durch das Abkommen noch stärker werden. Bereits jetzt ist die EU, nach den USA, Vietnams zweitwichtigster Exportmarkt. Die Ausfuhren lagen 2019 nach vietnamesischen Zollstatistiken bei 41,5 Milliarden US$. Damit gingen knapp 16 Prozent aller vietnamesischen Exporte in die EU.
Vietnam rechnet damit, seine Exporte in die EU bis zum Jahr 2030 um 44 Prozent zu erhöhen.


Warenursprung und Präferenzen werden auch angepasst

Bezüglich des Warenursprungs und der Präferenzen wird als Nachweis für die Ursprungseigenschaft bei der Ausfuhr nach Vietnam einzig eine Erklärung zum Ursprung eines im REX-System registrierten Ausführers (oder jedes Ausführers für Sendungen mit einem Gesamtwert von bis zu 6.000 Euro) anerkannt.
Für Einfuhren aus Vietnam sind folgende Präferenznachweise mit Inkrafttreten anwendbar:

  • Eine Warenverkehrsbescheinigung EUR.1, ab einem Warengesamtwert über 6.000 Euro.
  • Eine von jedem Ausführer ausgefertigte Ursprungserklärung für Sendungen bis 6.000 Euro.

Nähere Informationen zum Warenursprung und Präferenzen für Vietnam finden Sie auf der Website des deutschen Zoll.

Weitere Chancen für deutsche Unternehmen in Vietnam

Aus dem Abkommen ergeben sich noch weitere Chancen für die deutsche und europäische Wirtschaft.
Vietnam hat sich verpflichtet, europäischen Unternehmen einen besseren Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen zu gewähren. So sind europäische Unternehmen ab August 2020 berechtigt, an öffentlichen Ausschreibungen wichtiger Träger (beispielsweise Ministerien) gleichberechtigt mitzubieten, wenn der Ausschreibungswert festgelegte Schwellenwerte überschreitet.
Auch öffentliche Beschaffungen von Pharmazeutika, die bislang in der Regel für nicht in Vietnam produzierte Produkte verschlossen waren, werden schrittweise europäischen Anbietern geöffnet werden.

Das Freihandelsabkommen reduziert darüber hinaus auch nichttarifäre Handelshemmnisse und bürokratische Hürden, indem Vietnam vermehrt internationale Standards einführt und Zertifikate der EU akzeptiert.
Im Nachhaltigkeitskapitel verpflichtet sich Vietnam u.a. auch auf die Einhaltung internationaler Arbeits- und Umweltstandards. Dabei sind die acht Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), wie zum Beispiel die Versammlungsfreiheit, das Vereinigungsrecht und das Verbot der Zwangsarbeit. Sechs der acht Normen sind bereits ratifiziert. Dies dürfte in Ansehung des diskutierten Lieferkettengesetzes eine zusätzliche Erleichterung für deutsche Unternehmen darstellen.


Der persönliche Kontakt wird noch etwas warten müssen

Gerade nach Inkrafttreten des Freihandelsabkommens wird es auf die Entwicklung von neuen Projekten ankommen. Dafür wird es spannend sein, wann Vietnam wieder ausländische Geschäftsreisende ins Land lässt. Seit Ende März 2020 sind die Grenzen für ausländische Einreisende, auf der Coronapandemie, grundsätzlich gesperrt.
Zwar können digitale Kanäle Alternativen zum herkömmlichen Handelsgeschehen bieten. Der persönliche Kontakt ist in Vietnam jedoch nach wie vor ein grundlegender Pfeiler für die Neuaufnahme und Aufrechterhaltung von Geschäftsbeziehungen.

Vielleicht lohnt es sich für Sie, Ihren Blick künftig etwas intensiver nach Vietnam schweifen zu lassen. Durch die Zollfreiheit und andere Möglichkeiten könnten sich Ihnen neue Lieferketten und Absatzmärkte eröffnen.